Fragen statt Erklärungen

Die Alhambra Gesellschaft steht als Beispiel für des Engagement junger Muslime, die sich als ganz natürlicher Bestandteil dieser Gesellschaft empfinden und danach leben. Nach einem Anschlag wie dem in Halle und angesichts der merkwürdigen Sprache, in der über diesen Anschlag berichtet wird, haben wir das Gefühl, dass die Abgabe von Stellungnahmen und Erklärungen uns nicht voranbringen werden. Natürlich sind wir in Gedanken und in unseren Gebeten bei unseren jüdischen Mitbürgern. Aber der Anschlag in Halle zeigt, dass das nicht ausreicht und wir als Gesellschaft und Politik bislang noch keine richtigen Antworten gefunden haben. Deshalb halten wir es für unverzichtbar, Fragen zu stellen, über die wir in eine gesellschaftliche Diskussion eintreten müssen.

Einer dieser Fragen lautet: Weshalb ist es in Deutschland überhaupt notwendig, Synagogen durch technische Sicherungsvorkehrungen oder polizeiliche Präsenz zu schützen?

Oder: Warum reicht die Erinnerung an die Shoa, an den durch Deutsche verübten Massenmord, nicht aus, um aus dieser historischen Erfahrung die gesellschaftliche Lehre zu ziehen, dass Judenhass niemals mehr einen Platz in unserer Gesellschaft haben darf?

Warum ist es keine Selbstverständlichkeit, jeden Ansatz von Judenhass gesellschaftlich so zu ächten, dass auch nur der geringste Gedanke an Herabwürdigung, Ausgrenzung und Verachtung von Juden in Deutschland zu einer sozialen Unmöglichkeit wird?

Warum konnte früher eine judenfeindliche Äußerung das Ende eines Bundestagsmandats bedeuten, wenn aber heute eine solche Äußerung geradezu den Bestand eines solchen Mandats begründet?

Was haben wir als Gesellschaft und Politik falsch gemacht, dass nach zwei Generationen nach der Ermordung von Millionen von Juden allein die Präsenz von knapp 200.000 Juden unter 80 Millionen nichtjüdischen Bürgern Anlass zu Hass und Mordlust bietet? 

Wie aufrichtig und wie anständig ist der in der Politik häufig verwendete Hinweis auf ein gemeinsames jüdisch-christliches Erbe, wenn dieses Erbe nichtmal die Achtung vor dem höchsten jüdischen Feiertag in Deutschland gewährleistet?

Wenn wir uns die gesellschaftliche und politische Verrohung der letzten Jahre gegenüber dem Anspruch einer pluralen Gesellschaft ansehen, müssen wir uns dann nicht eingestehen, dass wir nach der historischen Erfahrung der Shoa keineswegs zu einer Gesellschaft geworden sind, die am wirksamsten gegen Menschenhass immunisiert ist, sondern die Anfälligkeit dafür noch immer in sich trägt?

Wenn wir jetzt wieder beschwören, solidarisch an der Seite unserer jüdischen Mitbürger zu stehen, können wir dazu irgendetwas faktisch Solidarisches aus den letzten Jahren vorweisen, das über Pressemitteilungen oder Stellungnahmen hinausgeht?

Wenden wir uns auch entschieden und deutlich gegen Judenhass, wenn er sich nicht durch Anschläge zeigt, sondern subtiler durch eine ausgrenzende Sprache in unseren Netzwerken und Organisationsstrukturen, in denen Juden nicht präsent sind?

Warum gelingt es uns nicht, einzusehen, dass jede gesellschaftliche Diskussion über die Ungleichwertigkeit von Kulturen, Religionen und damit letztlich von Menschen die Konsequenz ihrer gewaltsamen Entfernung als fremd und schädlich mit sich bringt?

Sind wir dazu bereit, darüber zu diskutieren, warum die Demokratie uns aufgezwungen werden musste und wir gesellschaftlich nicht in der Lage waren, sie selbst zu erhalten? Und warum diese Frage vielleicht heute noch aktuell ist?

Werden wir unsere gesellschaftlichen Herausforderungen meistern, wenn wir auf alles eine Antwort haben oder wenn wir dazu bereit sind, uns deutlicher als bisher infrage zu stellen?

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