Interview: “Wir Muslime müssen uns mit der Selbstwahrnehmung der Täter auseinandersetzen”

Unser Gründungs- und Beiratsmitglied Murat Kayman sprach mit der Rheinischen Post darüber, dass Muslime in der ethischen Verantwortung stehen, sich mit abwertendem Denken im eigenen Milieu zu beschäftigen.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als die Nachrichten vom Anschlag in Wien eintrafen?

Kayman: Dass es wieder eine Tat mit islamistischem Hintergrund war, bewegt mich sehr. Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gelassen. Wenn man sich vergegenwärtigt, was da in Wien geschehen ist, dass da ein bewaffneter Mann durch die Stadt gelaufen ist und wahllos auf Menschen geschossen hat, dann ist allerdings auch klar, dass da die Trennlinie nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen verläuft, sondern zwischen Menschen, die bereit sind, andere Menschen umzubringen und solchen, die friedlich mit anderen zusammenleben wollen, egal wie unterschiedlich sie denken, glauben, leben. Die Attentäter schießen ja einfach in die Menge. Denen ist es egal, ob sie Muslime treffen oder nicht. Sie hängen einer menschenverachtenden, nihilistischen Überzeugung an und versuchen, das religiös zu verbrämen. Sie bauen sich aus Versatzstücken einer Religion eine Ideologie zusammen, die ihre Taten überhöhen und aus dem Sumpf bloßer Niedertracht emporheben soll. Allerdings fordert das von uns Muslimen, den Weg der Radikalisierung unserer Religion zu erschweren. Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass man sich nicht einen guten Muslim nennen darf, wenn man dieser Ideologie der Gewalt anhängt.

Muslimische Verbände distanzieren sich nach solchen Attentaten. Genügt das?

Kayman: Die muslimischen Verbände sind in solchen Momenten mit ihrer Rolle der öffentlichen Repräsentanz überfordert. Sie verhalten sich wie Muslime privat. Sie sind betroffen, haben aber den Reflex, sich nicht distanzieren zu wollen, weil jede Distanzierung ja suggeriert, es gäbe auch eine mögliche Nähe zu den Taten. Das verstehe ich. Aber diesen Reflex dürften sich nur Muslime als Privatleute leisten. Im Gespräch mit Nachbarn oder Freunden dürfen sie voraussetzen, dass sie nicht verdächtig werden, heimlich mit solchen Taten zu sympathisieren. Alles andere würde ja bedeuten, dass Muslime und Nichtmuslime im privaten Raum nicht auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch, miteinander reden können. Aber die Repräsentanten von Muslimen, also in einer öffentlichen Funktion, dürfen nicht müde werden, öffentlich zu artikulieren, dass es eine unüberbrückbare Distanz gibt zwischen solchen Terrorakten und dem, was Muslime glauben. Das ist ihre Aufgabe in der Öffentlichkeit. Es reicht nicht, wenn sie darauf hinweisen, dass sie sich seit 20 Jahren entsprechend äußern. So lange es muslimische Extremisten gibt, die glauben, ihre Taten seien vereinbar mit ihrer Religion, so lange müssen religiöse Vertreter der Muslime sich immer wieder laut und deutlich öffentlich distanzieren.

Sie gehen als Blogger aber weiter und analysieren, welche Bezüge es zwischen Islam und Islamismus gibt. Davon hört man auf Verbandsebene wenig.

Kayman: Deswegen wäre es so wichtig, dass die Verbände auch kommunizieren, was sie zu ändern bereit sind. Denn offensichtlich entwickeln islamistische Extremisten ihre Gesinnung innerhalb eines muslimischen Milieus und vergewissern sich, dass ihre Ideologie dort Anklang findet oder zumindest nicht zurückgewiesen wird. Und dann setzen sie ihr Denken in Taten um und halten das für legitim. Ich rede jetzt gar nicht von Hasspredigern. Es geht um etwas Subtileres. Es geht um ein Klima, in dem Muslime anfangen, in Kategorien von Überlegenheit und Unterlegenheit zu denken. Das hat etwa zu tun mit der Herabwürdigung von Menschen, die eine andere Sexualität für sich beanspruchen oder eine andere Hautfarbe haben oder sich mit Genderfragen beschäftigen. Sobald Menschen im Denken, Glauben und Handeln Hierarchien bilden und andere für minderwertig erklären, besteht die Gefahr, dass sich das in Gewalt äußert. Ausgrenzungserzählungen bilden den Resonanzraum, in dem Täter sich immer wieder vergewissern, dass ihr Denken richtig ist, bis sie irgendwann zur Tat schreiten. Ich rede also nicht von einer strafrechtlich relevanten Verantwortung der Muslime, sondern von der ethischen Verantwortung, im eigenen Kollektiv jede Hierarchisierung von Menschen zu vermeiden. Das passiert zu wenig.

Es gibt auch Stimmen, die die Radikalisierung von Muslimen auf mangelnde gesellschaftliche Teilhabe zurückführen und auf Kränkungsgefühle, die entstehen, wenn sich Menschen wegen ihrer Religion ausgegrenzt fühlen. Was halten sie von solchen Erklärungsmustern?

Kayman: Es stimmt, dass in den Debatten nach Attacken wie in Paris oder Wien bisweilen auch die Gewalt thematisiert wird, die Muslime selbst erleben. Das ist Teil des Problems. Denn in diesen Mustern denken auch die Attentäter. Sie geben ja vor, koloniale Gewalt europäischer Staaten im historischen Nachgang rächen zu wollen. Oder sie legitimieren ihre Gewalt durch aktuelle Konflikte auf der Welt oder die Überlegenheit westlicher Staaten in der Globalisierung. Darum finde ich es sehr problematisch, wenn Muslime in ihren Reaktionen auf Attacken wie jetzt in Wien im gleichen Atemzug erlebte Gewalt gegen Muslime thematisieren. Kommentare in den sozialen Netzwerken wie: „Egal, ob Gewalt gegen Muslime oder Nicht-Muslime, ich finde beides schlimm“ sind eine falsche Relativierung. Natürlich gibt es antimuslimischen Rassismus, auch strukturellen, in unserer Gesellschaft. Aber wir haben die Möglichkeit, uns damit friedlich auseinanderzusetzen.

Wie?

Kayman: Auf politischer, juristischer, gesellschaftlicher Ebene. Im Ehrenamt, in Hauptberufen. Muslime können sich zur Wehr setzen und es gibt starke Verbündete in dieser Gesellschaft, die keine Muslime sind. Also ist der Vergleich mit historischen Ungerechtigkeiten deplatziert. Wir Muslime sollten die eigene Betroffenheit von Gewalt nicht thematisieren, wenn wir uns zu schrecklichen Taten wie gestern Abend in Wien äußern. Das ist zwar ein nachvollziehbarer Reflex. Man denkt, diese Taten sind mir so fern, ich bin aber selbst von Ausgrenzung betroffen, also möchte ich, dass das nicht vergessen wird. Aber das ist eine Erzählung, die bei den Tätern auch aktiv ist.

Was muss passieren, damit die Stimme von liberalen Muslimen wie Ihnen stärker gehört wird?

Kayman: Ich hab Schwierigkeiten mit dem Begriff „liberale Muslime“. Ich verstehe, dass sie helfen, Positionen einzuordnen. Aber das ergibt auch eine Erzählung der Ausgrenzung: liberale Muslime sind gut, konservative schlecht. Aber gerade Wien zeigt doch, dass die Trennlinien eben nicht zwischen religiösen Haltungen verläuft, sondern zwischen der viel grundsätzlicheren Unterscheidung zwischen Terroristen und Bürgern. Mit Religionspraxis hat das nichts zu tun. Auch nichts damit, ob man offen ist für selbstkritische Diskurse. Die nichtmuslimische Gesellschaft muss sich auch nach Jahren muslimfeindlicher Debatten mit dem Gedanken anfreunden, dass auch ein tiefgläubiger konservativer Muslim sich auf Augenhöhe mit dem Rest der Gesellschaft befindet. Dass das kein zivilisatorisch rückständiger Mensch ist, solange er die gleichen Grundwerte teilt, die unser Miteinander ausmachen. Und das ist bei der Mehrheit der Muslime so. Aber auch diese Mehrheit muss eben hinsehen, wenn sich aus ihrem Milieu Extremisten entwickeln. Wir Muslime müssen uns mit der Selbstwahrnehmung der Täter auseinandersetzen. Wenn Islamisten zuschlagen, hat das was mit uns Muslimen zu tun.

https://rp-online.de/politik/murat-kayman_aid-54393881

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