Interview: „Moralische Waage ist bei muslimischen Verbänden aus dem Gleichgewicht“

Unser Gründungs- und Beiratsmitglied Murat Kayman sprach mit der WELT über die aktuellen Ereignisse

Muslime müssen islamistischen Terrorismus klar benennen und sich gegen ihn wehren, sagt der strenggläubige Murat Kayman. Er verurteilt den Reflex, die Bluttaten von religiösen Motiven zu trennen. Wie jede andere Religion müsse der Islam Kritik und Satire aushalten.

Murat Kayman, Jahrgang 1973, lebt als Rechtsanwalt und Blogger in Köln. Von 2014 bis 2017 war er politischer und juristischer Berater der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Nach der Affäre um die Spitzeltätigkeit von Imamen in Deutschland legte er sein Amt nieder. Er ist Mitgründer der Alhambra-Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als Europäer begreifen, und betreibt mit anderen den Podcast „Die Dauernörgler“.

WELT: Herr Kayman, wir hatten uns vor dem Terroranschlag von Wien zu diesem Interview verabredet. Jetzt haben wir eine neue Situation.

Murat Kayman: Ja, wieder ein dschihadistischer Anschlag. Wir kennen noch zu wenige Details. Aber die ersten Bilder, auf denen Menschen weglaufen und wahllos niedergeschossen werden, sind schockierend.

Und sie zeigen: Die Grenze verläuft nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern zwischen denen, die bereit sind, andere umzubringen und unser Zusammenleben scheitern zu lassen, und Menschen, die nicht so denken – egal, worin sie sich sonst im Denken und Handeln unterscheiden.

Meine Hoffnung ist, dass es jetzt viele, viele Muslime gibt und geben muss, die sich dagegen wehren – auch wenn ich die Art und Weise, wie sie das tun, noch für unvollständig und unbefriedigend halte.

WELT: Was meinen Sie damit?

Kayman: Bei Verurteilungen schwingt immer mit, dass man auch antimuslimische Gewalt verurteile. Sätze wie: „Ich bin gegen Gewalt, egal, von wem sie ausgeübt wird.“ Oder: „Ich bin gegen Hass, egal, von wem er ausgeht.“ Nach Hanau haben wir mit Vehemenz gesagt: „Das war ein rassistischer Anschlag, benennt die Motive!“

Wenn man als Muslim solche Anschläge wie jetzt in Wien kommentiert, reicht es nicht, allgemein Gewalt zu verurteilen. Du musst sagen: „Ich bin gegen dschihadistische Gewalt! Ich bin gegen Muslime, die sagen, dass ihre Religion das rechtfertigt.“

WELT: Kommen wir zu dem Anlass, weswegen ich Sie ursprünglich für dieses Interview angefragt hatte: Eine der alten Karikaturen von „Charlie Hebdo“, über die wieder gestritten wird, zeigt einen weinenden Mohammed, der schluchzt: „Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden.“ Finden Sie als gläubiger Muslim das witzig oder beleidigend?

Kayman: Ich erinnere mich an eine andere, aktuellere Karikatur: Da sitzt ein bärtiger, Turban tragender Mensch an einer Bar, hat ein Schnapsglas vor sich und seufzt: „Diese Idioten schaffen es sogar, dass ein Prophet anfängt zu trinken.“ Viele muslimische Stimmen, die sich von so was gekränkt fühlen, verstehen nicht: Hier geht es nicht um eine Herabwürdigung des Propheten Mohammed, den wir hoch verehren. Vielmehr wird das Verhalten von Muslimen auf satirische Art reflektiert.

Was uns aus muslimischer Perspektive stören müsste, ist nicht eine Respektlosigkeit gegenüber dem Propheten, sondern wie Muslime von Nichtmuslimen wahrgenommen werden und welche Gründe es dafür gibt.

WELT: Ist auch Respektlosigkeit gegenüber dem Islam von der Meinungsfreiheit gedeckt?

Kayman: Es kommt darauf an. Ich darf Muslime nicht beschimpfen oder vermeintlich satirisch schmähen, indem ich ihre gleichberechtigte Teilhabe oder ihren ethischen Wert herabstufe. Aber natürlich darf ich jedes religiöse Konzept, jede Weltanschauung kritisieren bis hin zu Spott und respektloser Beschimpfung.

Wer über den Monty-Python-Klassiker „Das Leben des Brian“ gelacht hat, darf nicht empört sein, wenn man sich in ähnlicher Weise über den Islam oder seine Figuren lustig macht. So etwas müssen wir alle aushalten.

WELT: Sie waren Mitarbeiter des Moschee-Verbandes Ditib. In dessen letzter Freitagspredigt wurde kein Wort über den Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty verloren. Aber es hieß, „der Islam, ja sogar die ganze Menschheit“ widersetze sich der „Verhöhnung von Menschen und erhabenen Werten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit“.

Kayman: Ich glaube, bei den muslimischen Verbänden ist die moralische Waage aus dem Gleichgewicht. Die Art und Weise, wie man sich über Karikaturen echauffiert, steht im Missverhältnis zu den Reaktionen, die man bei extremistischen Gewalttaten an den Tag legt.

WELT: Der Klassiker lautet in diesen Fällen: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“

Kayman: Seit den Attentaten in New York, also seit fast 20 Jahren, ist das der erste Reflex. Und ich verstehe ja jeden Funktionär und jeden Muslim, der sagt: „Das ist so fern von dem, was der Islam für mich bedeutet, dass ich mich davon nicht distanzieren möchte, weil das die Möglichkeit einer Nähe suggeriert.“ Ich bin ja selber erschüttert, wie ein Mensch auf die Idee kommen kann, solche Taten mit dem Islam zu legitimieren.

Aber ich kann es doch nicht ignorieren, dass der Täter eine solche Nähe schafft und für ihn seine Tat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun hat. Und wenn ich davon überzeugt bin, dass dem nicht so ist, muss ich doch die Anschlussfrage stellen: Womit hat es denn sonst etwas zu tun, dass sich der Täter auf religiöse Motive beruft? Also muss es etwas mit dem zu tun haben, was wir alle, also alle Muslime in der Welt, mit dem Islam machen.

WELT: Das klingt wie: Es hat etwas mit den Muslimen zu tun – aber nichts mit dem Islam.

Kayman: Wir können bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag diskutieren, ob es im Islam im theologischen Sinne ein Gewaltproblem gibt, und dazu unterschiedliche Ansichten vertreten. Aber viel akuter ist die Frage: Welche Gewalt- und Ausgrenzungserzählungen zirkulieren in muslimischen Gesellschaften, welche Erklärungs- und Rechtfertigungsmuster für Gewalt?

WELT: Ein Beispiel?

Kayman: Nehmen wir die Selbstmordanschläge durch Palästinenser. Es waren religiöse Größen, die argumentiert haben: „Ja, die Tötung eines Nicht-Kombattanten, also eines jüdischen Bürgers im Bus oder im Café, ist islamrechtlich problematisch. Aber die Besatzung ist eine Ausnahmesituation, deshalb ist es legitim, unbeteiligte Menschen umzubringen.“

Wenn solche Narrative jahrzehntelang in muslimischen Gesellschaften kursieren, dass es ausnahmsweise erlaubt sein soll, jemanden, den man als Gegner wahrnimmt, umzubringen, muss ich mich doch als Muslim damit auseinandersetzen.

Oder: Was wird als Verfehlung gesehen, was als Minderwertigkeit – und welche Reaktion gilt als legitim? Und dieser Resonanzraum kann dazu führen, dass jemand zur Gewalt greift und, wie es in Dresden offenbar der Fall war, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität angreift.

WELT: Wie beurteilen Sie die Rolle des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im aktuellen Konflikt?

Kayman: Der politische Islam in der Türkei ist ja mit der Parole „Adil Düzen“, also einer gerechten Ordnung angetreten. Aber sie haben gezeigt, was sie darunter verstanden haben: dass die kemalistischen Eliten beiseite treten und sich auch die muslimischen Eliten an den staatlichen Töpfen satt fressen.

Darum ist Erdogan nur noch eine Erzählung übrig geblieben: Er oder die Türkei – das ist ja bei ihm dasselbe – als letzte Festung des Islam gegen die westliche Welt. So sieht er sich selbst, und so sehen ihn leider auch viele Muslime. Und sie erkennen nicht, dass Erdogan ihnen einen Bärendienst erweist.

WELT: Inwiefern?

Kayman: Weil er sich als jemand zeigt, dessen Wertekoordinaten völlig aus den Fugen geraten sind und der sich lieber über ein Satiremagazin aufregt, anstatt darüber nachzudenken, wie furchtbar es ist, einen Lehrer umzubringen, der nur Kindern Wissen und kritisches Denken vermitteln wollte und der diffamiert, denunziert und schließlich umgebracht wurde.

WELT: Erdogan bezichtigt Europa und Deutschland der Islamophobie. Als Beleg diente ihm zuletzt die polizeiliche Durchsuchung einer Milli-Görüs-Moschee in Berlin.

Kayman: Bei dieser Durchsuchung könnte man schon nachfragen, ob der Einsatz verhältnismäßig war oder ob Beamte mit Hunden in eine Moschee eindringen müssen, wenn sie in einem Betrugsfall ermitteln.

Aber selbst die berechtigte Kritik an solchen Details wird verunmöglicht, wenn führende Personen der Gemeinde die Öffentlichkeit mit falschen Informationen speisen, indem sie erzählen, Hunderte Beamten hätten die Moschee gestürmt. Und so zu tun, als sei der vorliegende Verdacht – nämlich Betrug bei Corona-Hilfen –, völlig abwegig, finde ich die deplatziert.

Vor zwei Jahren wurden frühere Vorstandsmitglieder der Milli Görüs wegen Steuerhinterziehung verurteilt, weil sie Einnahmen aus Pilgerreisen nach Mekka in die Türkei transferiert hatten. Und in diesen Gemeinden wurde nie aufgearbeitet, dass auch Funktionäre in den 90er-Jahren eine wesentliche Rolle dabei gespielt haben, dass Hunderte in Deutschland lebende Muslime von Anlagebetrügern, die ihnen islamkonforme, also zinsfreie Gewinne versprochen hatten, um ihre Ersparnisse gebracht wurden.

WELT: Ist die deutsche Gesellschaft feindlich gegenüber Muslimen?

Kayman: Bei aller Kritik an strukturellem Rassismus in unserer Gesellschaft leben wir in einem Land, in dem wir teilhaben können. Und wenn uns Unrecht widerfährt, können wir das thematisieren und uns dagegen wehren, indem wir zum Beispiel die Institutionen anrufen.

Wer die Konflikte, die es in einer heterogenen Gesellschaft gibt, so einseitig pauschalisiert, spielt jenen ausländischen Kräften in die Hände, die sich als Repräsentanten der hiesigen Muslime inszenieren und die eine identitäre Agenda verfolgen, welche Kultur, religiöse und nationale Identität zu einem Amalgam vermischt. In dieser Agenda sind die Muslime nicht Teil dieser Gesellschaft, sondern sollen ihr fremd bleiben.

WELT: Erdogan sagt, die Situation der Muslime in Europa ähnele der von Juden im Nationalsozialismus. Ein anderer, auch bei manchen Linken beliebter Vergleich ist der zwischen Muslimen in Europa und Schwarzen in den USA.

Kayman: Der Vergleich mit den Juden im Nationalsozialismus ist eine abstoßende Relativierung der Schoah. Auch der Vergleich mit den USA spiegelt nicht die tatsächlichen Lebensverhältnisse wider.

Nach dem Mord an George Floyd sagte der frühere Basketballspieler und heutige -trainer Doc Rivers in einer sehr emotionalen Pressekonferenz, es sei „amazing“, also erstaunlich, wie sehr die Afroamerikaner die USA liebten, obwohl dieses Land nicht bereit sei, sie zurückzulieben. Wenn sich die hiesigen Muslime mit den Afroamerikanern vergleichen, dann müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie bereit sind, diese Gesellschaft zu lieben.

Damit meine ich keine verschrobene nationalistische Heimatliebe, sondern die offene, zugewandte und liebevolle Mühe, diese Gesellschaft gerade auch als Muslim mitzugestalten, in ihr mitzuwirken und sich für ihr Wohlergehen einzusetzen. Wenn sie stattdessen den Islam als Wagenburg verstehen, in die sie sich zurückziehen, können sie sich nicht darüber beschweren, nicht geliebt zu werden.

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus219247816/Islam-und-Terror-Reicht-nicht-als-Muslim-Gewalt-zu-verurteilen.html?ticket=ST-A-83603-iIzWVkpq2LfHKHURMI1b-sso-signin-server

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