Kritik an der säkularen Kultur – Ein innermuslimisches Verständigungsangebot

Von Leonard Sezgin-Just

Säkularismus ist bedauerlicherweise ein gleichermaßen wichtiger wie notorisch vieldeutiger Begriff; nicht selten kommt es vor, dass bei Diskussionen – auch unter Muslimen – die Gesprächspartner substantiell verschiedene Vorstellungen von dem besitzen, was ihrer Meinung nach „säkular“ heißt, bzw. heißen soll. Für die einen meint dieses Wort zunächst allein die Trennung von Staat und Religion, die beiderseitig fruchtbare Un-Abhängigkeit der einen von der anderen Seite; für die anderen hingegen eine allgemeine Kultur der Areligiosität, deren impliziten Normsetzungen sich alles unterzuordnen hat. Ganz andere wiederrum sehen in einer Säkularwerdung der Religion den Weg zu einer reformerischen Aufklärung der bisher chronisch rückständigen Gläubigen; hier scheint dann säkular mehr oder weniger synonym zu sein mit den Begriffen „modern“ oder „fortschrittlich“.

Die lateinische Wurzel „saeculum“ meint zunächst Zeit oder Zeitalter, verstanden im diesseitig-weltlichen Sinne im Gegensatz zur transzendenten Ewigkeit. „Säkular“ ist also diejenige Sphäre, die gänzlich immanent ist, gleichsam in ihrer Weltlichkeit ruht, und auf alle religiösen oder transzendenten Bezüge verzichtet. Der entsprechende Gegenbegriff ist dann „sakral“, bzw. heilig, jene andere Sphäre bezeichnend, die gänzlich vom Transzendenten ergriffen und gleichsam aus dem normalen Gang der „Welt“ enthoben ist. Hier zeigen sich schon erhebliche Schwierigkeiten für ein muslimisches Verständnis, ist das Begriffspaar sakral-säkular doch schließlich aus einem spezifisch christlichen Horizont erwachsen, den wir Muslime nicht uneingeschränkt teilen können. In gewissem Sinne ist für uns alles zugleich sakral und säkular, im selben Moment heilig und profan. Letztlich ist die gesamte natürliche Welt eine direkte Manifestation der göttlichen Schöpferkraft und in diesem Sinne ein „zweiter Koran“, eine Offenbarung und Selbstmitteilung Gottes an uns Menschen. Zugleich sind wir jedoch aufgefordert, die Welt „Welt“ sein zu lassen, da sie gerade durch ihr Nicht-Gott-Sein vergänglich und relativ ist; nicht einmal am heiligsten Ort der Erde können wir dem Heiligen, dem Sakralen gänzlich habhaft werden. Wer keinen Glauben im Herzen hat, wird Gott nicht einmal im Inneren der Kaaba finden, und wer einen starken Glauben im Herzen hat, wird Gott überall auf der Erde finden, schließlich ist uns, wie es im Hadith heißt, die gesamte Erde zur Gebetsstätte gemacht. Die Heiligkeit, die Transzendenz öffnet sich dem Muslim also überall da, wo er sich Gott zuwendet, und ist in diesem Sinne weltumspannend, lässt sich aber nirgendwo fixieren und ist in diesem Sinne überweltlich, also über der „säkularen“ Welt stehend.

Die konkrete Bedeutung des Ausdrucks „säkular“ in der heutigen Verwendung ist hingegen nicht losgelöst vom modernen politischen Kontext zu verstehen. Demokratische Rechtsstaatlichkeit, die zumindest ihrem Anspruch nach religiös neutral ist, bleibt ein historisches Novum und stellt auch in der modernen Staatenwelt nur eine Option unter vielen dar. Etwa ist der Anspruch des französischen Laizismus in seiner unmissverständlichen Privilegierung des Nicht-Religiösen deutlich unterschieden vom deutschen oder amerikanischen Modell. Die Idee, dass die Obrigkeit allen Religionen gegenüber gleichermaßen neutral sein könne, ist überhaupt erst seit kürzester Zeit eine denkbare Option und in seiner (stets unvollkommenen) Umsetzung noch jüngeren Datums. Zuvor musste eine Religion, wollte sie überdauern und die Lebensrealität ihrer Anhänger wirklich prägen, ihren genuinen Geltungsbereich der Rechtleitung und Errettung des Menschen auch politisch sichern. In den meisten Fällen wäre sie sonst schlicht untergegangen oder im Laufe der Geschichte von anderen Mächten verdrängt worden; eine Neutralität der öffentlichen Ordnung, die jedem die ungestörte Religionsausübung gestattete, war schlechterdings keine denkbare Option.

In diesem Kontext war die Vermengung von Staat und Religion ein notwendiges Übel, das natürlich immer wieder auch zu Unterdrückung, Korruption und Unrecht geführt hat. Moderne Kritiker haben daher ein leichtes Spiel, wenn sie aus ihrer heutigen Situation heraus sich auf all das stürzen, was früher falsch lief. Freilich verkennen sie dabei ebenso die historisch exzeptionelle Konstellation, aus der heraus sie sprechen, wie die zahlreichen Aporien, in die sich eine Religion zu vormodernen Zeiten verstrickt sah.

Aus einem religiösen Bewusstsein heraus, das sich nicht auf Oberflächlichkeiten beschränkt, kann diese politische Dominanzrolle der Religion nie ein Selbstzweck gewesen sein. Da mit der modernen „neutralen“ Rechtsstaatlichkeit, wie sie etwa hier in Deutschland gilt, erstmals die Möglichkeit gegeben ist, die Religion wirklich frei auszuüben ohne die politische Ordnung religiös „absichern“ zu müssen, sollte die Akzeptanz dieser Ordnung unsererseits über ein fadenscheiniges Arrangement und ein einseitiges Ausnutzen der Rechte hinausgehen.

Neben der politischen Dimension gab es jedoch in traditionellen religiösen Gesellschaften, und das insbesondere in unserer islamischen Tradition, noch eine weitere Ebene, auf der die Religion die öffentliche Ordnung prägte: in den verschiedenen Formen der kollektiven Kultur. Wo eine Mehrheit der Gesellschaft vom Geiste der Religion beseelt war, konnte es nicht ausbleiben, dass der Bezug zur Transzendenz fast alle Lebensbereiche durchdrang. Gerade weil es die scharfe Trennung zwischen heilig und profan in der islamischen Tradition so nie gab, wurde in gewissem Sinne alles „geheiligt“: von der Art, wie man Häuser baute und einrichtete, über die Weise wie man sich kleidete, miteinander sprach und aß, bis hin zum Geist, in dem man die Wissenschaften und Künste pflegte. In dieser „Topographie des Sakralen“ gab es gerade keine Inseln des Heiligen, die in einem Meer der Profanität schwammen. Moscheen, Medressen oder Schreine waren allenfalls Knotenpunkte einer verdichteten Transzendenz. Auf einer gewissen Ebene war alles gleichermaßen profan (bzw. „säkular“), insofern es Teil der vergänglichen Welt war, doch zugleich in dem Maße heilig, wie es die Menschen mit dem Transzendenten, mit Gott verband. All das wuchs bis zu einem bestimmten Grad organisch, das heißt aus der inneren Einbettung der Menschen in das Bezugsnetz des Heiligen. Wer säkulare Räume finden wollte, konnte das freilich überall; die Vorstellung, dass damals eine Art „sakraler Totalitarismus“ geherrscht hätte, der unter seinem Anspruch alles erdrückte, ist meiner Meinung nach ein großer Irrtum.

Hiermit soll auch nicht gesagt werden, dass früher alles besser war. Das war es nicht. Doch man kann nicht abstreiten, dass mit der Zurückdrängung dieser Dimension der kollektiven „heiligen Kultur“ durch den Säkularismus viel verloren gegangen ist. Der Anspruch dieses modernen Projekts, das sich auf ganz verschiedenen Ebenen und durch ganz verschiedene Akteure manifestierte, ist gerade die Absolutsetzung jenes säkularen, weltlichen Blicks auf die Welt, den die islamische Zivilisation nie verneint oder unterdrückt, aber stets mit dem luziden Netz einer zweiten, überweltlichen Schicht, einer transzendenten Transparenz überzog hatte. Im dem Maße, wie mit dem modernen wissenschaftlich-ökonomischen Blick die Welt nur noch als formbare und ausbeutbare Materialmasse erschien, wurde dieses Netz hinabgerissen. So verstanden handelte es sich hierbei um einen gewaltsamen Akt der „Vereindeutigung“ der Welt, gewaltsam insofern, als dass mit einer gewissen Rigorosität versucht wurde, die Weltwahrnehmung ganzer Gesellschaften „säkular“ zurechtzustutzen.

Die säkulare Kultur, die uns heutzutage umgibt, ist gerade nicht neutral. Sie ist Ausdruck eines historisch erfolgreichen weltanschaulichen Bestrebens, die Religion in ihrer weltprägenden Rolle aus der Öffentlichkeit zu drängen. Und als solche ist sie – auch das darf man nicht vergessen – in den letzten Jahrhunderten vor allem von einem imperialen Westen ausgegangen, nach außen wie nach innen gerichtet. Diese weltgeschichtliche Entwicklung in einem Akt der gegenrevolutionären religiösen Anstrengung rückgängig machen zu wollen grenzt an Größenwahn und kann schnell zu gefährlichen ideologischen Verstrickungen und politischen Verirrungen führen. Wenn wir die säkulare Kultur als das was sie ist erkennen, nämlich als nicht-neutrale hegemoniale Ordnung, dann müssen wir uns zunächst damit begnügen und die gegenwärtige Situation akzeptieren – der große Gang der Dinge liegt schlichtweg nicht in unseren Händen.

Jedoch ist der Bezug zum Transzendenten, zum Heiligen, auf einer anderen Ebene ein elementares Bedürfnis unseres Menschseins; in gewisser Weise werden wir nur so wirklich „Mensch“, erfüllen unsere volle geschöpfliche Bestimmung und Veranlagung. Wenn das Netz der Transzendenz nirgendwo mehr zu finden ist, besteht die Gefahr, dass die weltlichen Ziehkräfte den Geist der Menschen immer stärker an die rein diesseitige, vergängliche Welt binden und selbst Gläubige in ein Missverhältnis zu sich selbst, zur Natur (an der gegenwärtigen weltweiten Umweltkrise abzulesen) und zu Gott geraten.

Aus dieser Perspektive heraus kann man, wenn man das alles so sieht wie hier dargelegt, eine grundsätzliche Kritik an der säkularen Kultur formulieren. Dabei geht es dann nicht um eine Ablehnung der säkularen politischen Ordnung; ganz im Gegenteil kann diese aus jenem Blickwinkel sogar ausdrücklich begrüßt (wenn auch kritisch begleitet) werden. Vielmehr geht es dann um eine Wiederentdeckung der sakralen Transparenz, die die Welt immer schon hatte, und eine entsprechende Gestaltung derselben. Dazu gehören die im engeren Sinne religiösen Sphären wie etwa die Gotteshäuser, aber im selben Maße auch Architektur, Kleidung, Sprache, Essen, Kunst und Wissenschaft. Explizit nicht geht es dabei darum, neben der „säkularen“ eine „sakrale“ Sphäre in der Welt einzurichten und diese mit politischer Aggressivität auszuweiten. Dementsprechend sind autoritäre politische Bewegungen, die gegenwärtig selbiges in der islamischen Welt und darüber hinaus anstreben und mit populistischen Mitteln einen religiösen Kulturkampf in Szene setzen, auch rundum abzulehnen. Auch eine spirituelle Weltflucht kann keine Lösung sein, zumindest nicht für die Mehrheit der Menschen.

Das Heilige soll mit dem hier formulierten Bestreben gerade nicht eingeschlossen und starr beansprucht werden; das geht überhaupt nicht. Die Welt soll uns sakral wieder transparent werden, das Heilige wieder aufbrechen. Damit entzieht es sich dann per definitionem unserer Verfügungsgewalt. Vielleicht wird man diesen Ansatz als idealistisch kritisieren. Diesem Vorwurf muss man sich stellen und den Idealismus gewissermaßen als geistige Bürde auf sich nehmen. Natürlich kann man in der Angelegenheit auch gänzlich anders denken; es sollte jedoch eine ernstzunehmende Perspektive sein, insbesondere auch im innermuslimischen Diskurs. Durch eine Vielfalt an Perspektiven und Erfahrungshintergründen, die über einen tiefergehenden innermuslimischen Diskurs über die Kritik an der säkularen Kultur miteinander ins Gespräch gebracht werden könnten, böte sich eine besondere Gelegenheit, die intellektuelle Subjektwerdung der Muslime in Deutschland und in Europa zu befördern. Wechselseitige Polemiken verdecken dabei häufig nur die mangelnde Differenziertheit des Austauschs. Als unabdingbare Voraussetzung hat daher zu gelten, sich auf den Anderen im Gespräch einzulassen.

Im Resonanzraum möchten wir eine Plattform zur Diskussion anbieten. Neben unseren Debattenformaten wie dem Muslimischen Quartett soll hier der schriftliche Diskurs vorangetrieben werden. Gastautoren erhalten die Möglichkeit, Diskursbeiträge einzusenden, auf Beiträge zu reagieren und selbst Diskurse zu eröffnen. Die Meinung der Autoren ist ihre Eigene. Neue Beiträge oder Repliken auf ältere Beiträge können an info@alhambra-gesellschaft.de geschickt werden.

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